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Vom Synthesizer zum Algorithmus

Warum KI in der Musik kein Tabu ist – aber die Masse uns erdrückt


Klaviertasten, die nach rechts hin in Schaltkreis-Linien und Binärziffern übergehen
Grafik: von einer KI programmiert und gerendert

Wenn man wie ich seit über vier Jahrzehnten in unterschiedlichen Bands und Musikprojekten aktiv ist, hat man vor allem eines gelernt: Die einzige Konstante in der Musikproduktion ist der Wandel. Wer heute so tut, als sei der Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) in die Tonstudios der plötzliche Tod der „echten", handgemachten Musik, vergisst schlichtweg die eigene Musikgeschichte. Die Digitalisierung und die Automatisierung sind keine Erfindungen der Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts – wir nutzen sie schon ewig.

Der lange Weg der digitalen Musikproduktion

Der Aufschrei, dass Maschinen die „Seele" der Musik zerstören, ist alt. Erinnern wir uns an die späten 1970er und frühen 1980er Jahre. Als der Synthesizer – allen voran Erfindungen wie der Moog, der Sequential Circuits Prophet-5 oder der digitale Yamaha DX7 – die Studios eroberte, rochen Traditionalisten den Untergang des Abendlandes.

Pioniere wie Kraftwerk erhoben die Maschine ganz bewusst zum Kunstobjekt und schufen völlig neue Genres. Kurz darauf zeigte die Neue Deutsche Welle (NDW), was passiert, wenn man diese neue Technologie demokratisiert: Plötzlich schossen Bands aus dem Boden, die kaum eine Gitarre unfallfrei stimmen konnten, aber mit Sequencern und Drumcomputern wie der Roland TR-808 Welthits landeten. Das war damals die pure, softwaregestützte Disruption – und heute ist es Kulturgut.

Und Hand aufs Herz: Schauen wir uns die moderne deutsche Volksmusik oder den kommerziellen Schlager an. Diese Genres sind seit Jahrzehnten fast ausschließlich „rein produziert". Da wird im Studio kaum noch ein echtes Schlagzeug mikrofoniert. Alles sitzt perfekt auf dem digitalen Raster (Quantisierung), die Stimmen wandern durch Auto-Tune und Melodyne, und die Begleitspuren kommen aus gigantischen Sample-Bibliotheken. Technisch gesehen ist das oft schon seit den 90er Jahren eine sterile, algorithmische Fließbandarbeit – nur eben von Menschen bedient.

Warum hat KI dann heute so einen schlechten Ruf?

Wenn Technologie in der Musikproduktion also völlig normal ist – egal ob Kompression, Mastering-Tools oder virtuelle Instrumente –, warum reagieren Musiker und Konsumenten dann so allergisch auf Tools wie Suno, Udio oder KI-gestützte Mixing-Software?

Das Problem ist diesmal nicht die Ästhetik oder die Qualität. Das Problem ist die schiere Quantität.

Früher gab es technologische Hürden: Man brauchte ein teures Studio, ein physisches Instrument oder zumindest das komplexe Fachwissen, um eine Digital Audio Workstation (DAW) wie Cubase oder Logic zu bedienen. All das fiel als Filter weg. Heute kann jeder Laie per Texteingabe (Prompt) innerhalb von 30 Sekunden einen radiotauglichen Song generieren lassen.

Die Sintflut auf den Streaming-Plattformen

Diese Demokratisierung führt zu einer beispiellosen Überflutung des Marktes. Aktuellen Branchenzahlen zufolge werden weltweit täglich weit über 100.000 neue Tracks auf Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Music und Co. hochgeladen. Allein aus Deutschland fließen jeden Tag tausende Uploads in dieses System – ein erheblicher Teil davon ist mittlerweile rein KI-generierte Funktionsmusik: Lo-Fi-Beats zum Lernen, Entspannungsklänge oder generischer Pop, der Playlists verstopft.

Der schlechte Ruf der KI rührt also nicht von der Technologie her, sondern von der Entwertung des Handwerks durch Masse. Wenn Musik im Sekundentakt ohne menschliche Reibung, ohne emotionale Notwendigkeit und ohne handwerklichen Aufwand entsteht, droht das, was den Markt eigentlich ausmacht, im Rauschen unterzugehen: die Relevanz.

Mein Fazit als Musiker

KI ist für mich kein Feind. Sie ist das nächste Werkzeug in einer langen Kette von Innovationen – vom Tonbandgerät über den Synthesizer und den Sampler bis hin zum modernen Plug-in. Wir Musiker sollten keine Angst vor der Technologie haben, sondern vor der Beliebigkeit. Denn am Ende entscheidet immer noch der Hörer, ob ihn ein Song berührt – oder ob es nur Hintergrundrauschen im Algorithmus bleibt.

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